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Kulturell übergreifend oder übergriffig ?

Veröffentlicht am 29. April 2021 um 16:32

Kulturell übergreifend oder übergriffig ?

Was ist denn nun noch erlaubt oder was erlaubst du dir?

Der Grad zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Aneignung ist ein schmaler und gerade ein ziemlich heißes Thema….und ich bemühe mich, es nur auf die Tanzszene einzugrenzen…

 

Mir wurde erklärt, der entscheidende Unterschied, der es zur Aneignung macht, ist, dass man aus dem, was man von anderen Kulturen gelernt hat, oder auch einfach übernommen hat, Geld macht, ohne ihnen etwas zurückzugeben.

Ok, ich habe ja etwas gegeben, Geld als Gegenwert, wenn ich etwas von einem Lehrer gelernt habe und Respekt. Vielleicht interessiert mich auch eben durch das Lernen, mehr über diese Kultur zu erfahren, auch da könnte eine Wertschätzung erfolgen.

Dennoch kann es immer wieder einzelne Mitglieder eben dieser Kulturen geben, die nicht damit einverstanden sind, das ich, als weiße Frau, so etwas übernehme. Also ist es dann nicht eher eine persönliche Wahrnehmung, ein Befinden?

Damit sich niemand verletzt fühlt, darf dann nur jede/r den Tanz, die Kultur tanzen, nutzen, die er per Geburtsrecht hat? Was ist mit der Lebendigkeit des Tanzes, was mit der Kultur?

Und wieso ist das gefühlt, irgendwie eine Art Einbahnstraße ? 

 

Darf nur ein hellhäutiger Franzose noch Ballett tanzen, nur Spanier noch Flamenco usw…nur Schotten schottische und Iren irische Tänze und Ägypter und Türken sich weiter streiten wer denn nun den Bauchtanz erfunden hat?

Und wenn das so ist, wem dürfen oder sollten sie es dann vermitteln? Nur ihresgleichen….? Wenn diese aber mehr Interesse an einer anderen Kultur haben, ist das dann kulturelle Aneignung?

Oder findet die erst statt, wenn es um Geld geht? Wenn also ein indischer Tanz-Lehrer einen Tanz aus seiner Kultur,  diesen anderen  Menschen aus anderen Kulturkreisen gegen Geld vermittelt ist das ok, aber nicht, wenn eben diese Menschen es gegen Geld weiter vermitteln oder ihn selbst tanzen und dafür Geld bekommen?

Was ist mit der Globalisierung?  Was ist mit kultureller Verschmelzung?

Ist Verschmelzung immer eine Verwässerung? Die von mir angeführten Tänze und Regionen dienen nur als Beispiel und evtl. Denkansatz und daraus ergeben sich viele Fragen und keine Antworten und keine Idee, wo und wie man das angeht.

 

Ich möchte es noch weiter eingrenzen und auf unseren Tanz beziehen:

Ich tanze keinen Bauchtanz, Orientalischen Tanz. Raks Sharki, Cabaret Style, Belly Dance .

Die Attitüde, die Aussage ist eine völlig andere, die Art zur Musik zu tanzen anders, die Bewegungen sind teils aus dem gleichen Ursprung, aber werden in einem anderen Stil getanzt. Die Basis, das System, die Codifizierung der Bewegungen und die Grundeinstellung anders.

Beim Bauchtanz ist es ein Solotanz, auch wenn er oft choreografiert als Gruppentanz gezeigt wird, er wirkt wesentlich sexualisierter. Ich tanze auch keine Folklore, weil die oft den Anspruch auf Authentizität erhebt. All das ist aber nicht mein Tanzstil. Er ist ein Tanz für eine Gemeinschaft. Es ist ein gemeinsames erleben und erstellen des jeweiligen Moments durch die Rahmenbedingungen, das System, die Codes, die erlernte Technik. Er wirkt folkloristisch, ist aber nicht authentisch. Er wirkt erhaben und stolz und nicht sexy oder gar anbiedernd. Es ist eine Fusion, eine Verschmelzung, Zusammenführung von  verschiedenen ethnischen Ländern, die wiederum als Inspiration genommen wurden in Bewegung, Musik und Kostüm.

 

Wie nennen wir unseren Tanz, wie grenzen wir uns ab, wie machen wir deutlich was genau wir da tanzen?

Das, was unseren Tanz ausgemacht hat, sich nämlich ohne Worte, global, auf der ganzen Welt, tänzerisch miteinander zu verständigen, wird gerade dadurch zerstört, das Worte, die für diesen Stil benutzt wurden , als falsch, verletzend und respektlos genannt werden. Und jetzt hat man ein Verständigungsproblem und ein Verständnisproblem.

Ich hoffe nicht, dass damit dieser Tanz und das, was er für die Verbindung der Menschen getan hat, zerstört wird. Es liegt an uns, gemeinsam , wie die Amerikaner sagen…vorwärts zu stolpern…

Und das wird dauern und keine gerade Linie werden…. Das sollte uns bewusst sein!

Und dann wird sich auch, für uns, ein Name aufzeigen, der beschreibt was wir da tanzen, mit Freude, Aufrichtigkeit und Respekt.


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Kommentare

Alexandra Müller-Burkhardt
Vor 6 Monate

Danke für deine Worte Gabriele. Bin ganz deiner Meinung und gerade sehr verwirrt und auch traurig mit diesem Thema. Dieser Tanz hat mich durch die Pandemie getragen und jetzt ,was wird jetzt mit unserem Tanz?